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Für sie, eine ‚Höhere Tochter‘ aus bürgerlichem Hause, wurden sowohl die bitteren Erfahrungen des Krieges als auch die Begegnung mit Persönlichkeiten wie Wolfgang Heinz, Ernst Busch oder Wolfgang Langhoff prägend für ihren Lebensweg. Inge Keller kennt kein gespaltenes Leben: ‚Hier spielen‘ und ‚Dort denken‘. Sie hat a l l e s aufs Spiel gesetzt, wie der Titel des gleichnamigen Buches von Hans-Dieter Schütt doppeldeutig verrät.

Die Zusammenarbeit mit Ernst Busch gehört zu ihren einschneidenden Lebenserfahrungen. Sie sagt: „Ich habe viel von ihm gelernt. Ich habe auch gelernt, möglichst nicht zu lügen auf der Bühne. Man sollte es jedenfalls versuchen!“ Als ich einige Wochen nach unserem Fest mit Inge Keller zusammentreffe, scheint es, als ob sie mit dem Thema Wahrheit nicht fertig ist, nicht fertig werden kann. Sie liest mir Franz Fühmann vor. Er schrieb 1977 in einem offenen Brief an den damaligen Kulturminister Klaus Höpke: ‚Weder ein Einzelner, noch ein Berufsstand, noch irgendeine soziale Organisation oder politische Gruppierung ist im alleinigen Besitz der Wahrheit‘. Und sie schließt an: „Verantwortung des Schauspielers vor der Gesellschaft! Und wie ist das mit der Wahrheit? In meinem hohen Alter frage ich: gibt es das überhaupt – d i e W a h r h e i t?“
In ihrer Lesung führt sie aus: „Mitunter werde ich gefragt, wie mir das Alter gelänge. Nicht so einfach! Ein kluger Mann hat mal gesagt, das Alter ist nichts für Feiglinge. Es geht alles so schnell, das Leben rast. Eben sagte Barlog noch ‚Lasst mir die Kleene in Ruhe!‘ und nun bin ich schon die Alte.

Ja, ich möchte mein Gesicht behalten. Also: liften? Nein! Nicht! Aber nicht so einfach. Ich habe immer geglaubt, wenn ich alt bin, dann weiß ich, wie‘s läuft. Denkst’e! Es wird immer schwerer. Ich weiß, was ich kann, aber ich weiß, was ich n i c h t kann. Beides mürbt. Das eine sollte nicht Routine werden, das andere sollte nicht unsicher machen.“
„Ja“, sagt Inge Keller, „ich möchte nach wie vor deutsche Sprache vermitteln, in Untergangszeiten deutscher Sprache. Die deutsche Sprache blubbert ab. Die Amerikanisierung im öffentlichen sowie im privaten Leben der Menschen nimmt, so meine ich, bedrohliche Ausmaße an.
Für mich ist Sprache eine Droge, eine Geisel, der ewig hohe Berg: Arbeit, Arbeit, hinauf, hinauf! Der Genuss eines Kommas, die Überraschung eines Doppelpunktes, das Atemholen eines Gedankenstrichs… Man sollte als Schauspieler nicht klüger sein als das Komma oder der Doppelpunkt oder ein Gedankenstrich.“
Inge Keller resümiert:
„Ja sagen zum Leben, immer wieder, trotz alledem. Und nicht versäumen, Nein zu sagen. Gelassenheit üben, ohne dass der Zorn einschläft. Ich bin dankbar für mein Leben. Ich hatte Glück. ‚Ohne Glück geht nichts‘, sagt Brecht und es ist so. Mein Reichtum: noch immer werde ich gebraucht. Mein Reichtum: meine Tochter, meine Familie, meine Freunde, mein Publikum.“
Ihre Lesung beendet sie mit den Worten: „Ich lebe in einer Welt, die keinen Traum zulässt, ohne nicht auch Alpträume zu haben. Ja, trotz alledem. ‚Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein‘, sagt Ingeborg Bachmann“
Über Inge Keller möchte man viel und immer wieder schreiben. Man erlebt sie und ist gefangen von ihrem Gestus, ihrer Ausstrahlung, der Klarheit ihrer Sprache. Das Publikum dankt ihr mit stehenden Ovationen. Sie aber formuliert ihre Zuwendung sehr einfach und persönlich: „Ich bin mit meinen Wünschen, mit meinem Herzen bei Euch, der Truppe von Ernst Busch!“
Wir danken Inge Keller für ihre Unterstützung, da sie uns ihren Namen für die Ernst Busch Tage zur Verfügung gestellt hat. Wir danken für ihren Zuspruch.
Wir danken dem Autor Hans-Dieter Schütt für sein Gespräch mit Inge Keller zu den Ernst Busch Tagen 2010.
(Hans-Dieter Schütt, “Inge Keller. Alles aufs SPIEL gesetzt“, erschien 2007 im Verlag Das Neue Berlin, ISBN 978-3-360-01299-9.)