Rezension in der jungen Welt zu Dichtung und Wahrheit - Die Legendenbildung um Ernst Busch vom 5. Februar 2007 von Gerd Bedszent

Partei ergriffen
Carola Schramm und Jürgen Elsner gehen in einer umfangreichen Publikation den Legenden um Ernst Busch nach
Gerd Bedszent
Der Sänger und Schauspieler Ernst Busch hat die Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflußt. In den zwanziger und dreißiger Jahren nahm er mit seinen Liedern leidenschaftlich Partei für die Sache der Arbeiterklasse, gegen Ausbeutung, Kriegstreiberei und aufkommenden Faschismus. Legendär waren seine Lieder zur Verteidigung der Spanischen Republik. Nach der Befreiung stellte er all seine Kraft in den Dienst des antifaschistischen Aufbaus und der DDR.
Die Musikwissenschaftler Carola Schramm und Jürgen Elsner, beide Mitbegründer des »Freundeskreises Ernst Busch e. V.«, haben das Ergebnis ihrer jahrelangen Archivstudien in »Dichtung und Wahrheit. Die Legendenbildung um Ernst Busch« zusammengefaßt. Das Buch ist keine umfassende Biographie, sondern behandelt einzelne Abschnitte aus Buschs Leben.
Das Verhältnis des Künstlers zu KPD und SED war nie unkompliziert. Der proletarische Künstler agierte oft nach eigenem Wissen und Gewissen, auch wenn dies den Direktiven übergeordneter Funktionäre widersprach. Die daraus resultierenden Auseinandersetzungen bilden den Nährboden für zahlreiche Gerüchte und Anekdoten, die von bürgerlichen Medien gern kolportiert werden, um der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild über Ernst Busch zu vermitteln. Anliegen der Autoren ist es, der antikommunistischen Legendenbildung die historische Wahrheit entgegenzusetzen.
Legende Enteignung
Erste Legende: Der von Ernst Busch gegründete Verlag »Lied der Zeit« sei 1953 enteignet worden.
Erst Busch hatte nach seiner Befreiung aus dem Zuchthaus Brandenburg von der sowjetischen Militäradministration eine Lizenz zur Produktion von Schallplatten erhalten und die Firma »Lied der Zeit GmbH« gegründet. Die Umwandlung dieses Musikverlags in einen Volkseigenen Betrieb (VEB) erfolgte – wie durch umfänglichen Schriftwechsel dokumentiert – nicht gegen den Willen von Ernst Busch, sondern auf dessen eigene Anregung. Der bürokratische Apparat benötigte aber Jahre, den geplanten Besitzerwechsel umzusetzen. Da Ernst Busch sich in der Zwischenzeit wiederholt die Einmischung künstlerisch unbedarfter Funktionäre in seine Arbeit verbat, kam es zu heftigen Zusammenstößen mit leitenden Mitarbeitern der Kunstkommission der DDR, die ihm abwechselnd »Proletkult« und – wegen Verwendung von Jazz-Elementen in Kompositionen Eislers – »Rechtsopportunismus« vorwarfen. Seitdem galt Busch in weiten Teilen des Apparates als Querulant, wurde als ungeeignet befunden, den ab 1953 als VEB geführten Verlag weiter zu leiten, und aus dem künstlerischen Beirat entfernt.
Legende SED-Ausschluß
Zweite Legende: Ernst Busch wäre 1952 aus der SED ausgeschlossen worden.
Der bis dahin parteilose Sänger und Schauspieler war 1945 der KPD beigetreten und somit seit 1946 SED-Mitglied. Im Zusammenhang mit seinen Auseinandersetzungen mit der Kunstkommission und dem Zentralrat der FDJ – dessen Vorsitzender damals Erich Honecker war – kursierten Vorwürfe gegen Ernst Busch, die er ausgeräumt haben wollte. Eine der regelmäßig anberaumten Überprüfungen der Parteimitgliedschaft nahm er zum Anlaß, die Beantwortung einer Reihe von Fragen zu fordern. Da niemand bereit war, auf seine Forderung einzugehen, verweigerte er die Entgegennahme des neuen Parteidokumentes. Er war somit nicht ausgeschlossen, konnte aber mangels gültigem Dokument nicht mehr an Parteiversammlungen teilnehmen, was zahlreiche Funktionäre in vorauseilendem Gehorsam zu einem Boykott der künstlerischen Werke Ernst Buschs veranlaßte. Erst 1972, als Busch von der sowjetischen Führung der Leninpreis verliehen wurde, beschloß die Parteiführung, ihm wieder ein neues Dokument auszuhändigen. Ob er dann dieses entgegengenommen hat, konnte von den Autoren nicht geklärt werden.
Legende Maria Osten
Dritte Legende: Ernst Busch hätte von der Verhaftung und Erschießung seiner Freundin Maria Osten durch die Stalinsche Geheimpolizei gewußt und dies akzeptiert.
Ernst Busch, dem 1933 die Flucht aus Nazideutschland gelang, kam 1935 in die Sowjetunion, wo er mehrere Freunde fand – darunter die Schriftstellerin Maria Osten und den Kulturtheoretiker Michail Kolzow. Beide begleiteten ihn im Februar 1937 in den Spanischen Bürgerkrieg und kehrten 1938 in die Sowjetunion zurück, wo sie den Stalinschen Säuberungen zum Opfer fielen. Busch hatte im Jahre 1936 die ersten Schauprozesse gegen das »antisowjetische trotzkistische Zentrum« erlebt, auch er war vom Geheimdienst NKWD als Trotzkist und mutmaßlicher Spion überwacht worden. Ob er tatsächlich Moskau verließ, weil ihm dort »der Boden unter den Füßen zu heiß geworden war« (Zitat Busch), konnten die Autoren nicht abschließend klären. Buschs Briefe zeugen von vergeblichen Versuchen, nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs wieder zurück in die Sowjetunion zu gelangen. Auch mit Maria Osten stand er im Briefwechsel – bis zu seiner Verhaftung durch die französische Polizei im Mai 1940 und der nachfolgenden Auslieferung an die Gestapo. Michail Kolzow wurde 1940, Maria Osten 1942 hingerichtet. Wahrscheinlich erfuhr Ernst Busch erst im Jahre 1948 von ihrem Schicksal. Im 1963 herausgegebenen Doppelalbum »Canciones de las Brigadas Internationales« dankt er seinen toten Kampfgefährten.
Im ersten Band untersuchen Schramm und Elsner anhand einer Vielzahl von Zitaten die Legenden um Ernst Busch und arbeiten deren realen Kern heraus, wobei allerdings die in Moskau lagernde Komintern-Akte Ernst Buschs von den Autoren noch nicht ausgewertet werden konnte. Im zweiten Band sind zahlreiche Aktenstücke, Fotos, Briefwechsel und persönliche Notizen dokumentiert. Eine Auswahl von Liedern Ernst Buschs, in denen sich nach Auffassung der Autoren seine Auseinandersetzungen mit der Parteibürokratie widerspiegeln, befindet sich auf der den Bänden beiliegenden CD.