"Ich bin Ernst Busch"
Über Peter Voigt wird geschrieben, er sei ein Mann, der keine Umschweife mache, seine Filme zeigten schonungslose Härte und integre Sachlichkeit.
Und so lerne ich Peter Voigt im Gespräch kennen als jemanden, der vorgefertigte Geschichtsbilder nicht akzeptieren kann, auch Geschichtsklitterei ist ihm zuwider.
Die Jagd nach historischen Ereignissen, die aus dem Zusammenhang gerissen zu Sensationen aufgebauscht werden und dazu geeignet sind, den Marktwert ihrer Jäger zu erhöhen, weil plumper Diffamierung eines gescheiterten Gesellschaftssystems dienend, lehnt er ab. Ihn interessieren Widersprüche menschlicher Entwicklung, historische Zusammenhänge.
Peter Voigt, Jahrgang 1933, erlebt nach dem Krieg die ersten Jahre des demokratischen Deutschlands als Schüler einer Leipziger Oberschule, besucht eine Spezialklasse für Musik. Er beginnt eine Ausbildung als Bühnenbild-Assistent an den Städtischen Bühnen in Leipzig, bewirbt sich 1953 bei Brecht [„es kam nur Brecht in Frage, was sonst…“] und beginnt im Jahre 1954 im Haus am Schiffbauerdamm seine Tätigkeit als Regie- und Dramaturgieassistent bei Bertolt Brecht im Berliner Ensemble. Aus dieser Zeit rühren die ersten persönlichen Begegnungen mit Ernst Busch. Im „Galilei“ steht er in einer Nebenrolle mit Busch auf der Theaterbühne. Peter Voigt erlebt Busch als Schauspieler, der keine halben Sachen mochte, auch keine „halben Portionen“, wie er, wie wir wissen, nicht nur halbherzige Schauspieler sondern auch unfähige Kulturadministratoren bezeichnete.
Ab 1959 arbeitet Peter Voigt als Phasenzeichner und Regisseur im Trickfilmstudio der DEFA, dann ab 1961 freischaffend für das DDR-Fernsehen. In diesem Zusammenhang ist er dem Busch wiederbegegnet, als es darum ging, die Genehmigung für die Sendung zweier Lieder von ihm einzuholen. Da erlebte er Anfang der sechziger Jahre den aufbrausenden Busch, der, für alle Besucher in der Leonhard-Frank-Straße ein unvergessliches Erlebnis, seine Schallplattenaufnahmen vorspielte und auch lautstark seinen Enttäuschungen über engstirnige Kultur- oder Parteifunktionäre Luft machte.
Im Studio Heynowsky & Scheumann dreht er ab 1969 als Regisseur und Autor Filme über soziales Verhalten und Verhältnisse. Genannt seien „Internationalisten&ldqo; (Zur Frage nach den Motiven für internationale Solidarität im Alltag) „Die Gruppe Floh de Cologne“ (Porträt einer Politgruppe) oder „Theaterarbeit“ (über das Berliner Ensemble im 25. Jahr seiner Gründung).
1980/81 entsteht im Team mit Konrad Wolf innerhalb des 6teiligen Zyklus „Busch singt“ unter seiner Regie der erste Teil namens „Aurora“. Nach dem frühen Tod von Konrad Wolf wirkt er an der Fertigstellung des letzten Teils der Reihe mit. Bei der Recherche findet er Notizen, Briefe Buschs, welche ihn die kommenden Jahre nicht mehr aus dem Kopf gehen. Das Filmkollektiv bekommt für den Zyklus im Jahre 1983 den Nationalpreis II. Klasse.
Nach 1986 dreht Peter Voigt vorwiegend Filme, die mit seiner eigenen Geschichte zu tun haben „Stein schleift Schere“ oder „Knabenjahre“ über Kindheit und Jugend im besetzten Polen.
Nach der Wende, die er einen „Zusammensturz“ nennt, befasst er sich immer wieder mit der deutschen Geschichte, die auch seine eigene ist. Er konfrontiert mit Geschichte und meint doch das Verständnis der Gegenwart, wie z.B. 1991 „Dämmerung, Ostberliner Boheme der 50iger Jahre“, 1994 „Der Ort, Die Zeit, Der Tod - Ein Heimatfilm“ (Relikte deutscher Geschichte in der Gegend um den Tollense-See, Mecklenburg), 1996 „Bella Italia“. Und schließlich beschäftigt ihn das Thema Brecht, welchem er sich im Jahr 2006 mit seinem Film „Brecht-Bild und Modell“ auf ganz eigene Weise nähert.
Als Peter Voigt im Jahr 1999 gefragt wird, ob er etwas zum 100. Geburtstag Buschs produzieren würde, antwortet er ohne zu zögern mit ja. Die Problematik hatte er schon im Kopf.
„Ich bin Ernst Busch“, das klingt stolz und wirkt provokant. So ist das Motto des Films denn auch überschrieben mit: „Eine eigensinnige Existenz in den Brüchen des 20. Jahrhunderts“.
Wer will hier wen provozieren? Es geht um Charakter, moralische Ansprüche in Zeiten gesellschaftlicher Brüche, Umbrüche. Zu den Beweggründen, 20 Jahre nach dem mit Konrad Wolf gedrehten Zyklus über den großen Busch noch einen zweiten Film zu drehen, gehört auch das: Peter Voigt ist keiner, der zudeckt oder Geschichten ausblendet, weil sie nicht in nicht in ein offizielles Geschichtsbild passen. So etwas macht ihn wütend. Kann man mit Wut im Bauch Filme machen, frage ich mich? Peter Voigt bejaht dies, um Buschs Willen, um der Geschichte eines untergegangenen Landes, eines gescheiterten Systems willen. Und er besteht darauf, Geschichte zu bewältigen, nicht sie zu vermarkten.
Der Film durchläuft das Leben des Ernst Busch, nicht als Aneinanderreihung historischer Momente, sondern als Charakterbild einer Persönlichkeit, die sich in der historischen Auseinandersetzung erst entfaltet. Busch, als einer, der nicht nur denkt, was er singt, der Ansprüche sozialen Verhaltens an sich und andere stellt, der mit der Stimme und dem Herzen eine Idee der Gerechtigkeit verficht. Busch begegnet uns als einer, der unbequem ist und gerade deshalb von Auseinandersetzung mit Herrschenden nicht verschont bleibt. Der Regisseur berührt die Problematik des Buschschen Verhältnisses zur Partei, der SED, seinen moralischen Anspruch an seine Partei. Auch das Glück, nicht nur den Nazis, sondern auch den stalinschen Säuberungen entkommen zu sein wird nicht ausgespart.
Peter Voigts Film atmet Distanz und dennoch Nähe, nicht durch wohlfeile Bilder, aber durch eine starke Bildhaftigkeit der Sprache. Ein fertiges Bild bekommt man dennoch nicht vorgesetzt. Vieles bleibt Fragmentarisch, die Musik, manches Foto, manches Zitat, manches Bild. Das reizt zum Widerspruch. Kann man mit Fragmenten wie mit Bausteinen umgehen, sie aus gewohnten Zusammenhängen reißen, sie in beliebig neue Zusammenhänge setzen? Verfälscht das die Historie? Peter Voigt holt die Bilder der Vergangenheit in die Gegenwart, um beide zu befragen. Ich sage nicht, dass er die Fragen beantwortet, aber er stellt sie.
Von der Ästhetik des Widerstands wird im Publikum gesprochen, auch von der Brechtschen Technik der Verfremdung, auch von der Ambivalenz künstlerischer Mittel und von historischer Erkenntnis.
Von Peter Voigt las ich, man müsse einen Film immer so machen, dass man an seine Grenzen stoße, sonst bewege er sich ohne Widerstand. Peter Voigt sucht den Widerstand, nicht die Gefälligkeit.
Der im Film vorbeiziehende Pergamonaltar steht für Zeitläufe, in Stein gemeißelte Zeit. Wir sind darin nur ein Bruchstück. Zeit geht auch über uns hinweg.
Wir sollten sie nutzen.